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Fusion Festival 2020 findet nicht statt

Liebe Fusionist:innen

Wir schreiben diesen Newsletter in einer Situation, in der die Welt Kopf steht und  ein Virus grassiert, das das Potenzial hat, in wenigen Monaten unser Leben dauerhaft negativ zu verändern.

Die Gesundheit wird als höchstes Gut dieser Gesellschaft definiert, dem sich nicht nur kapitalistische Wirtschaftsinteressen, sondern auch jegliche Form von selbstbestimmten Lebens unterordnen muss. Es herrscht ein Ausnahmezustand auf unbestimmte Zeit, von dem noch niemand sagen kann oder will, wann und wie dieser wieder aufgehoben werden soll und was danach kommen wird.

Social distance, Quarantäne und Isolation sind die Mittel der Stunde, um den Kampf gegen das Virus nicht komplett zu verlieren. Einige Maßnahmen sind eher aktionistisch als gut durchdacht, was heute gilt, ist morgen schon wieder Makulatur und der Erfolg der Strategie von flatten the curve ist immer noch mehr Hoffnung als Gewissheit.

Die jahrelang kaputt gesparten Gesundheitssysteme der reichen Industrienationen stehen kurz vor dem Kollaps und der Kapitalismus vor dem Offenbarungseid des Systemabsturzes.  Die Krise gerät zur Katastrophe, deren Folgen unabsehbar sind. Entwicklungs- und Schwellenländer wird es noch weit härter treffen als uns. Dort werden die Menschen in den kommenden Monaten bei schlechter oder fehlender medizinischen Versorgung ohne Beatmungsgeräte einfach sterben.

Empathie für Schwächere hat in dieser Gesellschaft eine kurze Halbwertszeit, das haben wir schon in der „Flüchtlingskrise“ gelernt. Humanitäre Katastrophen in Syrien und im Jemen oder die Flüchtingssituation an den Außengrenzen Europas erregen hier leider nur noch wenige Gemüter.

Ethische Grundsätze von der gleichen Werthaftigkeit allen Lebens entpuppen sich nicht erst bei der Nichtrettung von Geflüchteten im Mittelmeer zu einer Lüge unserer Wohlstandsgesellschaft. Wenn es jetzt ums wirtschaftliche Überleben und den Systemerhalt geht, werden voraussehbar innerhalb von wenigen Wochen des Ausnamezustands ethische und moralische Prinzipien über Bord geworfen werden.

Eine entscheidende Frage in dem unvermeidlichen ethischen Konflikt wird sein, ob denn der gebotenen Schutz menschlichen Lebens absolut gilt und ihm alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Sozial- und Kulturrechte bedingungslos untergeordnet werden dürfen oder ob ein allgemeines Lebensrisiko von jedem zu akzeptieren ist?

Vor allem die  sog. Risikogruppen werden in dieser Fragestellung schmerzhaft damit konfrontiert, dass menschliches Leben nicht nur wertvoll, sondern auch endlich ist.

Und wir? Sind wir alle zu Zuschauer:innen degradiert? Mit großer Sorge sehen wir, wie Grund- und Bürgerrechte außer Kraft gesetzt und Affinitäten mit Überwachungspraktiken diktatorischer Herrschaftssystemen offen salonfähig werden. Das alles passiert, ohne dass es einen relevanten systemkritischen Diskurs dazu gibt. Wir schauen protestlos zu, wie das Diktat von Corona die Demokratie mit unseren Freiheiten und Rechten in die Knie zwingt.

Wir sitzen seit Wochen isoliert zu Hause in der Hoffnung, dass die Pandemie möglichst schnell vorüber geht und wir wieder in unser normales Leben zurück finden können. Niemand kann heute sagen, wie Corona unsere Gesellschaft und unser Leben verändern wird und ob es je wieder so werden wird, wie wir es bis vor kurzem kannten. Wir haben daran große Zweifel.

Alle von euch stellen sich neben solch düsteren Gedanken und Prognosen natürlich auch die Frage, ob die Fusion dieses Jahr stattfinden kann.

Angesichts der Lage und der Aussichten, die wir jetzt sehen, können wir  das Festival in diesem Jahr nicht durchführen. Das ist bei aller Bitterkeit der Entscheidung vor allem der gemeinsamen Verantwortung geschuldet, die wir alle haben, damit die Covid 19 Pandemie eingedämmt werden kann.

Dies bedeutet, dass dieses Jahr kein Fusion-Festival stattfinden kann. Die nächste Fusion werden wir vom 30.6. – 4.7. 2021 feiern.

Selbst wenn Ende Juni das Schlimmste überstanden wäre und sich dann das Alltagsleben langsam wieder etwas normalisieren würde, Schule, Kita und Arbeit wieder erlaubt sind, wird es nicht möglich oder vertretbar sein, ein Festival mit 70 000 Besucher:innen aus aller Welt zu veranstalten, geschweige denn, dafür eine behördliche Genehmigung zu bekommen. Wir sind in dieser Situation so machtlos wie noch nie und haben keine Widersacher:innen, die wir gemeinsam mit eurer Solidarität bezwingen können.

Uns läuft auch die Zeit davon. Wir müssten jetzt schon alle mit Volldampf und vielen Mitstreiter:innen an den Vorbereitung arbeiten. Wir sitzen aber im Lockdown und müssten auch jetzt schon Zusagen von unverzichtbaren Partner:innen bekommen, die uns diese beim besten Willen nicht geben können.

Eine Verschiebung der Fusion um ein paar Monate ist leider auch keine Option. Wir müssen inzwischen davon ausgehen, dass es noch lange dauern kann, bis Festivals wieder stattfinden können. Die logistischen Voraussetzungen für die erfolgreiche Durchführung der Fusion sind darüber hinaus viel zu komplex, als dass wir das einfach um ein paar Monate verschieben könnten.

Wir hätten natürlich mit der Absage warten können, bis diese von der Politik angewiesen wird, aber wir wollen in dieser Situation selbstbestimmt entscheiden und sehen die Höhere Gewalt, auch ohne Anordnung der Behörden, zweifelsfrei als gegeben.

Wir wissen, dass diese Entscheidung, zu allem was gerade passiert, für euch und unser ganzes Netzwerk an Mitwirkenden eine weitere Katastrophe bedeutet,  gehen aber auch davon aus, dass ihr für unsere Entscheidung Verständnis habt.

Tickets/ Soli/ Spenden

Wie wir euch ja bereits im letzten Newsletter angekündigt hatten, behalten eure Tickets im Falle der Absage ihre Gültigkeit für die Fusion 2021.

Wenn ihr aber euer Ticket stornieren wollt, könnt ihr jederzeit, also auch bis ins  kommenden Jahr, in eurem Ticketaccount stornieren und bekommt den Ticketpreis incl. Müllgebühr, sowie die Bearbeitungs- und Versandkosten zurückerstattet. Die vor Jahren eingeführte Stornierungsgebühr von € 10,- können und wollen wir in diesem Fall nicht einfordern. Wir werden diese Stornogebühr aber als freiwilligen Solibeitrag für den Kuko und unser Netzwerk deklarieren.  Ihr könnt in eurem Account dann selbst entscheiden, ob ihr diesen € 10,- Soli -Obolus leisten, oder den ganzen Ticketpreise zurückerstattet bekommen wollt. Die neue gesetzliche Regelung, wonach Inhaber:innen von Eintrittskarten mit Gutscheinen statt Erstattungen entschädigt oder abgespeist werden können, nimmt das Fusion Festival somit nicht in Anspruch.

Für uns als Kulturkosmos bedeutet diese Absage, dass auch wir erst mal schauen und überlegen müssen, wie wir das ungeplante und nicht mit Rücklagen abgesicherte Fusion-freie Jahr überbrücken können. Niemand kann sagen, was in 6 Monaten ist, aber wir sehen uns bis jetzt nicht existenziell bedroht und brauchen (noch) keinen Rettungsschirm. Im kommenden Jahr müssen wir aber nicht nur die Fusion finanzieren, auch das at.tension-Festival wird von uns einen mittleren sechsstelligen Betrag supported. Zudem wollen wir diesen Sommer auch nutzen, um notwendige und geplante Projekte und Bauvorhaben zur Vorbereitung der kommenden Festivals durchzuführen. Wir werden uns daher vorbehalten, den Ticketpreis fürs kommende Jahr moderat zu erhöhen. In dem Fall würden wir dann auch von allen Ticketholder:innen einen Nachschlag verlangen.

Das Fusion Festival wird, neben dem Kulturkosmos, vor allem durch das Zusammenspiel von verschiedenen Gruppen, Vereinen und Kollektiven realisiert. Die Corona Krise und die Absage des Festivals bedeutet für viele Vereine und  Projekte aus unserem Umfeld eine ökonomische Katastrophe. Sie sind existenziell bedroht und bekommen keine oder wenig staatliche Unterstützung.

Wir haben daher einen Solidaritätsfonds zur Unterstützung unseres Netzwerkes über die Kulturkosmos Stiftung eingerichtet. Dieser Spendentopf soll existenziell gefährdeten Gruppen aus unserem Netzwerk das Überleben in dieser Krise erleichtern, sowie falls nötig auch das at.tension-Festival 2021 absichern.

Wir werden in diesen Topf die gespendeten € 10,- Solibeitrag aus den Ticketstornierungen einzahlen und außerdem von Seiten des Kulturkosmos einmalig € 100 000,- in den Topf werfen. Informationen zu den geleisteten Spenden werden wir auf der Kuko Webseite veröffentlichen.

Auf dieses Spendenkonto können, unabhängig der Stornogeschichte, alle spenden, die den Kulturkosmos, unser Netzwerk sowie das Fusion- und at.tension Festival 2021 unterstützen wollen.

Kulturkosmos Stiftung gGmbH

IBAN: DE36 4306 0967 1116 6858 01

Wir rufen hiermit alle Fusionist:innen auf; seid auch solidarisch mit den kulturellen Läden in eurer Nähe und deren Macher:innen, die jetzt eure Unterstützung brauchen, damit unser Kultur diese Krise überlebt. Spendet das, was ihr sonst auch für Kultur,  Feiern und Ausgehen ausgeben würdet, damit es nach der Krise noch ein kulturelles Leben gibt.

We have to fight for our right to party

Unser Drang nach hedonistischem Feiern, Selbstbestimmung und kulturellem Leben, muss sich jetzt, keine Frage, einfach dem Primat der Gesundheit unterordnen.  Aber das Entscheidende dabei wird sein, wie lange wir das müssen und wie lange wir bereit sind, dies zu akzeptieren. Leider ist zu befürchten, dass für die Politik und ihre auf Zeitgewinn angelegten Eindämmungsstrategie Festival- und Clubkultur das letzte sind, was sie wieder zulassen wollen.

Diejenigen, die jetzt in der Politik die Entscheidungen treffen, kennen unsere Lebensrealitäten und unsere Festival-, Club- und Subkultur nicht im Geringsten. Ein Shutdown der Club- und Festivalkultur über sehr lange Zeit, wie er von der Politik nicht ausgeschlossen und insgeheim bereits angedacht wird, würde das Ende eines Großteils unserer Club- und Festivalkultur bedeuten, unser Leben dauerhaft unerträglich einschränken und viele Strukturen darin unwiederbringlich zerstören.

Das was uns jetzt durch das Virus gerade genommen wird, werden wir, ohne dafür zu kämpfen, nicht einfach wieder bekommen. Wir dürfen daher nicht tatenlos abwarten, was am Ende übrig bleibt. Den Entscheider:innen in dieser Krise muss klar und deutlich vermittelt werden: Kultur ist systemrelevant! und wir werden nicht hinnehmen, dass für den Kampf gegen das Virus alles geopfert wird, was nicht der Gesundheit oder der Wirtschaft dient.

Es ist höchste Zeit, einen offenen Diskurs zu führen, wie wir nicht nur unser Gesundheitswesen, sondern auch unsere Kultur, Bürgerrechte und unser Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben über diese Krise hinaus retten!

Ländergrenzen, Einreiseverbote, innerdeutsche Grenzen führen nur zu Grenzen in den Köpfen der Menschen und werden das Virus nicht besiegen.

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!

Wenn sich diese Gesellschaft durch diese Krise fundamental ändern wird, dann ist es an uns allen, dies, wo immer wir können, zum Besseren zu drehen und zu retten was uns wichtig ist.

Der Kampf um unsere Zukunft hat gerade begonnen!